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Uhrenatlas

Longines · seit 1931

Lindbergh

Nach seinem Atlantikflug von 1927 entwarf Charles Lindbergh mit Longines eine Uhr für die Navigation: Sie hilft Piloten, aus der Uhrzeit den Stundenwinkel der Sonne und damit ihre Position zu finden.

Marke
Longines
Erschienen
1931 als Design international geschützt, ab 1932 im Handel
Entworfen von
Charles Lindbergh, mit Longines und dem Navigationslehrer Philip Van Horn Weems
Art
Navigationsuhr für Piloten («Hour Angle»-Uhr), 47,5 mm
Merkmale
drehbare Lünette mit Gradeinteilung, einzeln verstellbarer Sekundenring, grosse Krone für Handschuhe
Heute
Neuauflage seit 2006, in Originalgrösse und mit Automatikwerk
Alte Longines-Armbanduhr mit drehbarer Lünette, Gradeinteilung, römischen Ziffern und zwei Kronen auf braunem Lederband
Longines Hour-Angle-Armbanduhr, King Collection (Smithsonian National Air and Space Museum) · Bild: Smithsonian National Air and Space Museum (Uhr: Longines-Wittnauer Watch Co.), CC0

Ein Flug über den Atlantik

Am 20. Mai 1927 startete Charles Lindbergh in New York zum ersten Alleinflug ohne Zwischenlandung über den Atlantik. Nach rund 33,5 Stunden und etwa 5'800 Kilometern landete er in Paris. Longines, seit 1919 offizieller Zeitnehmer des Luftfahrtverbands FAI, stoppte die Zeit des Flugs.

Navigiert hatte Lindbergh nur nach Kurs, Geschwindigkeit und Zeit (Koppelnavigation). Die Navigation nach den Gestirnen beherrschte er damals nicht gut. Über dem offenen Meer fehlen Landmarken; dort ist die Position schwer zu bestimmen, besonders die geografische Länge.

1928 lernte Lindbergh die Sternnavigation beim Marineoffizier Philip Van Horn Weems, einem Navigationspionier. Weems hatte mit Longines bereits eine Uhr entwickelt, deren Sekundenring sich einzeln verstellen liess. Lindbergh entwarf eine Armbanduhr, die darauf aufbaute und Piloten beim Bestimmen ihrer Position helfen sollte.

Nahaufnahme des goldgelben Rumpfbugs eines Flugzeugs mit dem Schriftzug «Spirit of St. Louis», kleinen Länderflaggen darunter und einem Motor mit freiliegenden Zylindern
Der Bug der «Spirit of St. Louis», mit der Lindbergh 1927 den Atlantik überquerte (Smithsonian National Air and Space Museum) · Bild: Mike Peel (www.mikepeel.net), CC BY-SA 4.0

Was ist ein Stundenwinkel?

Die Erde dreht sich in 24 Stunden einmal um sich selbst, also um 360 Grad. Das sind 15 Grad pro Stunde. Zeit und Winkel lassen sich deshalb ineinander umrechnen.

Der Stundenwinkel (englisch «hour angle») sagt, wie weit die Sonne oder ein Stern von einer Bezugslinie entfernt steht, gemessen als Winkel in Richtung Westen. In der Navigation ist die Bezugslinie der Nullmeridian durch Greenwich; man spricht dann vom Greenwich-Stundenwinkel. Er ist für jeden Augenblick bekannt: Um 18 Uhr Greenwicher Zeit steht die Sonne, grob gerechnet, über 90 Grad West.

Den Stundenwinkel am eigenen Standort findet der Navigator mit dem Sextanten, einem Winkelmessgerät für die Höhe der Sonne über dem Horizont, und einem nautischen Jahrbuch mit Tabellen. Der Unterschied zwischen beiden Winkeln ist die geografische Länge: wie weit östlich oder westlich von Greenwich man sich befindet. Für die Länge braucht man eine genaue Uhr, weil sich die Erde pro Stunde um 15 Grad dreht.

Eine Uhr, die mitrechnet

Im engen Cockpit ist Rechnen mühsam. Die Hour-Angle-Uhr nimmt einen Teil der Arbeit ab. Auf dem Zifferblatt stehen Gradzahlen: Der Stundenzeiger zeigt auf 45 Grad, wenn er bei 3 steht, und auf 90 Grad bei 6. Die Minuten liest man auf der drehbaren Lünette ab, die ebenfalls eine Gradeinteilung trägt. So lässt sich der Stundenwinkel direkt von der Uhr ablesen.

Die Sonne geht nicht ganz wie eine Uhr: Über das Jahr läuft sie bis zu etwa 16 Minuten vor oder nach der gleichmässigen Uhrzeit. Diese Abweichung heisst Zeitgleichung und steht im Jahrbuch. Die drehbare Lünette gleicht sie aus.

Entscheidend ist die Genauigkeit: Vier Sekunden Zeitfehler ergeben ungefähr eine Seemeile Ortsfehler, das sind 1,85 Kilometer. Darum lässt sich der Sekundenring der Uhr einzeln verstellen. Der Pilot stellt ihn nach einem Zeitzeichen aus dem Funk ein, ohne die Uhr anzuhalten.

Longines-Armbanduhr mit weissem Zifferblatt, römischen Ziffern, Gradzahlen von 15 bis 180 auf dem inneren Ring, goldfarbener Sekundenscheibe in der Mitte und drehbarer Lünette mit blauen Zahlen an einem gelbbraunen Lederband
Longines Lindbergh Hour Angle im Musée international d'horlogerie in La Chaux-de-Fonds · Bild: Rama, CC BY-SA 2.0 fr

Von 1931 bis heute

Longines liess die Hour-Angle-Uhr im Herbst 1931 international als Design schützen und verkaufte sie ab 1932 unter dem Namen «Lindbergh». Das Gehäuse misst 47,5 Millimeter, für eine Armbanduhr gross. Die Krone ist so gross, dass man sie mit Handschuhen bedienen kann, und Piloten trugen die Uhr oft über der Kleidung.

2006 legte Longines die Uhr in der Originalgrösse von 47,5 mm neu auf, mit Automatikwerk. Laut Longines läuft das heutige Modell bis zu 46 Stunden ohne Aufziehen; seine Lünette lässt sich in beide Richtungen drehen.

Nahaufnahme einer Longines Hour-Angle-Uhr mit cremefarbenem Zifferblatt, römischen Ziffern, Gradzahlen und drehbarer Lünette mit Minutenskala
Longines Hour Angle in moderner Ausführung mit Automatikwerk · Bild: KRaikkonen01, CC BY-SA 4.0

Gut zu wissen

  • «Hour Angle» heisst auf Deutsch Stundenwinkel. Die Uhr liefert den Winkel; verrechnen muss ihn der Navigator mit der Sextanten-Messung und dem Jahrbuch.
  • Auch die Big Crown von Oris hat eine übergrosse Krone, die sich mit Handschuhen bedienen lässt.
  • Im Smithsonian National Air and Space Museum in Washington ist eine Hour-Angle-Uhr aus Lindberghs Besitz ausgestellt.

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