Komplikationen – die Zusatzfunktionen
Das Tourbillon
Das Tourbillon ist ein drehender Käfig, in dem Unruh und Hemmung sitzen, den Abraham-Louis Breguet 1801 patentieren liess, um den Einfluss der Schwerkraft auf den Gang einer Taschenuhr auszugleichen. Am Handgelenk ist es heute vor allem ein Zeichen höchster Handwerkskunst.

Das Problem: die Schwerkraft
Die Unruh ist das schwingende Herz einer mechanischen Uhr, das den Takt vorgibt (mehr dazu bei Unruh und Spirale). Doch sie ist nie ganz perfekt ausgewuchtet, und die Schwerkraft zieht je nach Lage der Uhr unterschiedlich an ihr. Liegt die Uhr, steht sie oder hängt sie schräg, ändert sich deshalb ihr Gang ein klein wenig. Fachleute sprechen von Lagefehlern.
Taschenuhren hängen oft lange in derselben, meist aufrechten Lage in der Westentasche. Ein Lagefehler wirkt dann dauernd in dieselbe Richtung. Genau hier setzte Breguet an.
Breguets Erfindung
Der Uhrmacher Abraham-Louis Breguet erfand das Tourbillon nach heutiger Darstellung 1795. Das Patent erhielt er am 26. Juni 1801 in Paris, in der Patentschrift heisst es «Régulateur à Tourbillon». Das französische Wort bedeutet «Wirbelwind». Die Idee: Wenn sich die ganze Schwingeinheit ständig dreht, durchläuft sie nacheinander alle Lagen, und die Fehler heben sich im Mittel auf. Man kann es mit einem Hähnchen am Drehspiess vergleichen: Die Hitze kommt immer von unten, aber weil sich das Hähnchen dreht, wird es überall gleich gar.
Laut Breguet kam das erste Tourbillon 1805 in den Verkauf und wurde 1806 an der Nationalen Gewerbeausstellung in Paris gezeigt. Bis zu Breguets Tod 1823 verkaufte das Haus nur 35 Stück, denn die Konstruktion war sehr aufwendig.
Wie der Käfig sich dreht
Beim Tourbillon sitzen Unruh mit Spirale, Anker und Ankerrad, also die komplette Hemmung samt Taktgeber, zusammen in einem winzigen Käfig. Das Räderwerk der Uhr dreht diesen Käfig langsam um seine eigene Achse, meist einmal pro Minute, und versorgt gleichzeitig die Hemmung im Inneren mit Antriebskraft. Deshalb dient der Käfig oft gleich als Sekundenanzeige.
Laut Breguet bringt die ständige Drehung einen Nebeneffekt: Die Zapfen der Unruh wandern in ihren Lagern, was auch die Schmierung verbessern soll. Ein einfaches Tourbillon gleicht allerdings nicht alle Lagen aus, und Temperatureinflüsse wirken weiter fast wie bei einer normalen Uhr.
Fliegend, mehrachsig, Karussell
Beim fliegenden Tourbillon fehlt die obere Brücke: Der Käfig ist nur von unten gelagert und scheint frei zu schweben. Die erste solche Konstruktion wird dem deutschen Uhrmacherlehrer Alfred Helwig zugeschrieben (1920). Sie gilt vor allem als optischer Gewinn, denn der Blick auf den Käfig ist frei.
Mehrachsige Tourbillons lassen den Käfig um zwei oder drei Achsen kreisen, damit noch mehr Lagen durchlaufen werden. Beispiele sind das Doppeltourbillon von Greubel Forsey (2004), bei dem ein um 30 Grad geneigtes Tourbillon in einem zweiten sitzt, und das Gyro-Tourbillon von Jaeger-LeCoultre. Ob solche Konstruktionen die Genauigkeit messbar verbessern, ist umstritten.
Eine Verwandte ist das Karussell (Carrousel) des Dänen Bahne Bonniksen: Dort dreht sich das gesamte Laufwerk samt Federhaus, nur deutlich langsamer als beim Tourbillon.
Wozu heute noch?
Am Handgelenk bewegt sich eine Uhr den ganzen Tag in viele Richtungen. Entsprechend umstritten ist, wie viel das Tourbillon in der Armbanduhr zur Genauigkeit beiträgt. Viele sehen es vor allem als Beweis höchster Handwerkskunst. Armbanduhren mit Tourbillon gibt es erst seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die automatische Armbanduhr mit Tourbillon von Audemars Piguet (Kaliber 2870, 1986) gilt als die erste ihrer Art und trug dazu bei, das Interesse neu zu wecken.
Heute bieten fast alle grossen Luxusmarken Tourbillons an, oft mit durchbrochenem Zifferblatt, damit man den Käfig sieht. Neue Armbanduhren mit Tourbillon kosten in der Regel fünfstellige Beträge (Stand 2022). Vorsicht: Uhren mit bloss sichtbarer, aber fest stehender Unruh werden teils fälschlich als «Tourbillon» angepriesen. Ein echtes Tourbillon erkennt man am drehenden Käfig.
Gut zu wissen
- Ein echtes Tourbillon erkennt man am drehenden Käfig. Eine Unruh, die man nur durch eine Öffnung im Zifferblatt sieht, ist noch kein Tourbillon.
- Der Käfig dreht sich meist einmal pro Minute und kann deshalb als Sekundenzeiger dienen.
- Laut Breguet wurden bis zu Breguets Tod 1823 nur 35 Tourbillons verkauft.
- Die Idee entstand für die Taschenuhr. Dort hängt die Uhr lange in derselben Lage, am Handgelenk wechselt die Lage ohnehin ständig.
Stand: 26.10.2026