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Uhrenatlas

Handwerk und Veredelung

Guilloché

Beim Guilloché schneidet ein Handwerker an einer Maschine Linie für Linie feine Rillen ins Metall – bei den aufwendigsten Zifferblättern über tausend Schnitte. Bekannt wurde das Muster auf Uhren durch Breguet.

Goldene Patek Philippe Calatrava mit weissem Zifferblatt, römischen Ziffern und Clous-de-Paris-Lünette auf dunklem Stoff
Patek Philippe Calatrava in Gold mit Clous-de-Paris-Lünette · Bild: Morten H. Hansen (Pexels), Pexels-Lizenz

Ein Muster aus tausend Schnitten

Guilloché (französisch ausgesprochen etwa «Gijoschee») ist ein Muster aus regelmässig wiederholten feinen Rillen, die eine Maschine ins Metall schneidet. Woher das Wort stammt, ist unklar; die oft erzählte Geschichte von einem Ingenieur namens Guillot gilt als zweifelhaft. Anders als eine freie Gravur, die ein Bild zeichnet, wiederholt das Guilloché ein Muster in exakter Folge.

Das Prinzip erinnert an das Spielzeug Spirograph: Eine feste Form bestimmt, welche Kurve der Stift zeichnet. Hier ist der «Stift» ein winziger Schneidstahl, das «Papier» eine Scheibe aus Silber oder Gold, und die feste Form sind Kurvenscheiben aus Metall.

Der Aufwand ist gewaltig: Die aufwendigsten Zifferblätter brauchen laut Monochrome einen ganzen Arbeitstag und können über 1'000 einzelne Schnitte umfassen. Ein Fehler lässt sich nicht ausradieren, denn das Metall ist abgetragen – er bleibt mit blossem Auge sichtbar.

Vier Guilloché-Muster im SchemaVier eigene Musterzeichnungen: Rosette (wird Ring um Ring gezogen), Clous de Paris, Tapisserie und Wellenmuster. Vereinfacht.Rosettemit der Rosenmaschine, Ring um RingClous de Pariskleine Pyramiden aus zwei LinienscharenTapisserieRaster aus kleinen QuadratenWellenmusterkonzentrische Wellenlinien
Vier Guilloché-Muster; die Rosette wird Ring um Ring gezogen. Eigene Grafik des Uhrenatlas.

Die Maschinen: Rosenmaschine und Geradzugmaschine

Es gibt zwei Grundtypen. An der Rosenmaschine (französisch «tour à guillocher», englisch «rose engine») sitzt das Zifferblatt auf einer drehbaren Spindel. Kurvenscheiben, die «Rosetten», bestimmen laut Patek Philippe Zahl und Form der Wellen und Kurven. Eine Hand dreht das Werkstück, die andere führt den Stichel – einen kleinen, spitz geschliffenen Stahl, der die Rille ins Metall schneidet. Gearbeitet wird mit zwei Kurbeln gleichzeitig.

Die Geradzugmaschine (englisch «straight-line engine») führt das Werkstück dagegen geradlinig von links nach rechts am Schneidwerkzeug vorbei; auch hier geben Kurvenscheiben oder Stäbe den Rhythmus vor. Die Linien können sich in beliebigen Winkeln kreuzen. Patek Philippe setzt sie laut eigener Angabe für das Clous-de-Paris-Muster auf der Lünette (dem Ring ums Glas) einiger Modelle der Calatrava ein.

Entscheidend sind Position, Drehgeschwindigkeit und Druck bei jeder einzelnen Linie. Eine Schule dafür gibt es nicht: Laut Patek Philippe wird das Können von Handwerker zu Handwerker weitergegeben, und laut dem Guillocheur Yann Von Kaenel, den Monochrome zitiert, dauert es etwa fünf Jahre, bis man die Technik beherrscht.

Muster mit Namen

Die Muster tragen französische Namen. «Clous de Paris» («Pariser Nägel») sind dicht gesetzte kleine Pyramiden wie Nagelköpfe, die entstehen, wenn sich zwei Scharen von Rillen kreuzen. «Grain d'orge» (Gerstenkorn) wirkt wie Reihen länglicher Körner. Dazu kommen Wellen, Karos, Korbgeflecht («Panier»), Waben und der Sonnenschliff («Soleil»), der als häufigstes Muster auf Zifferblättern gilt. Breguet zählt ausserdem «Flinqué», «Pavé de Paris» und weitere Muster auf; wie Flinqué unter Email wirkt, steht im Kapitel Email-Zifferblätter.

Ein Sonderfall ist die «Tapisserie» der Royal Oak von Audemars Piguet. Laut Marke schlug der Zifferblattmacher Stern 1970 mehrere Tapisserie-Muster vor, und 1972 erschien die «Petite Tapisserie» auf den ersten Royal Oak: mehrere hundert kleine, abgeflachte Pyramiden auf einem Untergrund aus Zehntausenden winziger Rauten. 1999 folgte laut Marke die grössere «Grande Tapisserie».

Hergestellt wird sie mit einer Kopiermaschine statt freihändig – das Prinzip kennt man vom Schlüsselkopieren: Zwei runde Platten drehen sich gleich schnell, ein Taster fährt das vergrösserte Relief einer Vorlage ab, und ein Stichel überträgt es verkleinert aufs Zifferblatt (das Prinzip des Pantografen). Er beginnt am Rand und arbeitet sich in Spiralen nach innen; pro Umdrehung rückt er laut Audemars Piguet etwa einen Elftelmillimeter vor. Die Maschine wurde laut Marke 1895 von Lienhard in La Chaux-de-Fonds erfunden, und Audemars Piguet besitzt heute 49 solcher Altmaschinen, 35 davon restauriert und täglich im Einsatz.

Breguet und die Geschichte

Die Technik ist älter als die Armbanduhr. Maschinen zum Schneiden solcher Muster gab es schon im 17. Jahrhundert, zuerst für weiche Werkstoffe wie Holz und Elfenbein, später für Gold und Silber; man findet sie auf Dosen, Bechern und Taschenuhrdeckeln. Patek Philippe nennt für die Entwicklung der Technik das 16. Jahrhundert.

Auf Zifferblättern führte Breguet das Guilloché laut eigener Darstellung 1786 ein. Nach einer Fachfrau des Internationalen Uhrenmuseums (MIH) in La Chaux-de-Fonds war Abraham-Louis Breguet sehr wahrscheinlich der Erste, der es auf Metallzifferblättern nutzte. Ihm ging es laut Marke nicht nur um Schönheit: Das Muster entspiegelt und macht das Zifferblatt lesbarer, es schützt polierte Flächen vor Abnutzung, und verschiedene Muster trennen Bereiche wie den Stundenring, die kleine Sekunde und die Gangreserve-Anzeige.

Der Kontrast erlaubte schlanke Zeiger, die die schweren barocken Zeiger ablösten – der «Breguet-Stil». Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren Guilloché-Zifferblätter bei Breguet häufiger als Email-Zifferblätter. Heute laufen im Guilloché-Atelier der Marke rund 30 Maschinen, die meisten über hundert Jahre alt; die älteste bisher gefundene stammt von 1820, und die Restaurierung einer Maschine dauert drei Monate bis ein halbes Jahr.

Von Hand, gefräst oder gestanzt: woran man es erkennt

Nicht jedes Muster auf einem Zifferblatt ist Handarbeit. Beim Stanzen (Prägen) drückt eine Form das Muster in den Messing-Rohling; das Metall wird verformt statt geschnitten, deshalb wirkt das Ergebnis weicher und flacher. CNC-Maschinen (computergesteuerte Fräsen) sind sehr präzise und können sogar dreidimensionale Muster erzeugen. Beim Handguilloché schneidet dagegen ein Werkzeug das Metall: Die Rillen sind scharf und haben Tiefe. Der Uhrmacher Kari Voutilainen fasst es so zusammen: Handarbeit schneidet, CNC hinterlässt Frässpuren, Stanzen ergibt keine scharfe Fläche.

Für die Lupe gilt: Wirkt ein Muster «zu perfekt oder zu regelmässig», spricht das laut Monochrome eher für eine CNC-Maschine. Ganz sicher ist die Unterscheidung für Laien aber nicht; ein Fachbeitrag hält maschinell und von Hand geschnittenes Guilloché mitunter für kaum unterscheidbar. Auch innerhalb einer Marke gibt es Abstufungen: Die Pyramiden der «Méga Tapisserie» von Audemars Piguet entstehen laut Marke durch Stanzen mit kräftigen Pressen, die der «Petite Tapisserie» mit der Kopiermaschine. Wer wissen will, was er vor sich hat, fragt am besten nach dem Verfahren.

Gut zu wissen

  • Das Handwerk war im späten 20. Jahrhundert gefährdet: Laut Patek Philippe drohte es samt seinen Fachleuten zu verschwinden. Laut Wikipedia beherrschen in Deutschland und der Schweiz nur noch wenige Betriebe das Guillochieren von Zifferblättern und Werkteilen.
  • Die Maschinen sind meist über hundert Jahre alt und wiegen laut einem Fachbeitrag jeweils mehrere Zentner; Breguet kauft pro Jahr ein bis drei dazu und restauriert sie in einer eigenen Werkstatt.
  • Guilloché steht auch auf Banknoten und Pässen: Das dichte Liniennetz erschwert Fälschungen, weil Ausbesserungen das Muster stören.
  • Nicht nur Zifferblätter werden guillochiert: Breguet verziert laut eigenen Angaben auch Werkplatten, Gehäuse und Rotoren. Mehr zu Werkteilen unter Werkveredelung.

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