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Uhrenatlas

Handwerk und Veredelung

Werkveredelung

Brücken, Platinen und Schrauben eines Uhrwerks werden gestreift, perliert, abgeschrägt und poliert, vieles von Hand. Durch den Glasboden sieht man diese Arbeit; das Genfer Siegel prüft einen Teil davon.

Silberne Uhrwerk-Platine mit dicht überlappenden, kreisrunden Schliffmustern (Perlage) auf dunklem Stoff
Von Hand aufgebrachte Perlage auf einer Werkplatte · Bild: Watchexpert, gemeinfrei

Schön, auch wo man nicht hinschaut

Ein mechanisches Uhrwerk besteht aus Platinen (den Grundplatten), Brücken (Haltebügeln), Rädern, Schrauben und Hebeln. Veredelt wird fast jedes Teil – auch solche, die nur der Uhrmacher beim Öffnen sieht. Früher hatten manche Oberflächen laut einem Fachbeitrag einen praktischen Sinn: Eine strukturierte Fläche hält Staub zurück und kaschiert Kratzer, eine gebrochene Kante verteilt Spannung. Heute sind die Veredelungen laut demselben Beitrag fast nur noch Schmuck.

Dass man sie sehen kann, verdanken wir dem Glasboden: Ein Sichtboden aus Saphirglas (einem extrem kratzfesten, glasklaren Material) gibt den Blick aufs Werk frei, und laut Wikipedia wird er zunehmend eingesetzt, seit es Saphirglas gibt. Wer eine Uhr kauft, kann so prüfen, wie sauber Kanten, Streifen und Schrauben ausgeführt sind – am besten mit der Lupe. Die folgenden Techniken gelten bei Patek Philippe, Vacheron Constantin und Audemars Piguet als Visitenkarte.

Veredelungen am Uhrwerk im SchemaBewegtes Schema: Genfer Streifen entstehen Band um Band, die Perlage Kreis um Kreis; dazu gebläute Schrauben.Genfer Streifenbreite, schimmernde BänderPerlageKreis für Kreis, leicht überlappendGebläute Schrauben: durch Erhitzen blau gefärbt
Genfer Streifen, Perlage und gebläute Schrauben – vereinfachtes Schema. Eigene Grafik des Uhrenatlas.

Streifen und Perlen: die Flächen

Genfer Streifen (französisch «Côtes de Genève») sind parallele, rippenförmige Streifen auf Brücken und Platinen. Sie entstehen maschinell oder von Hand: Von Hand wird ein Schleifwerkzeug entlang eines Richtlineals geführt, oder eine Drehbank bewegt das Teil hin und her. Schwierig ist es, Tiefe und Abstand gleichmässig zu halten. Der Name führt in die Irre: Dieselben Streifen heissen auch «Glashütter Streifen» – ein Hinweis darauf, dass sie nicht nur in Genf gemacht werden.

Perlage (auch Perlschliff) sind überlappende kleine Kreise auf der Platine. Ein Handwerker setzt einen Stift aus Holz mit Schleifpaste auf einen rotierenden Kopf und drückt ihn Kreis für Kreis in das Metall; Patek Philippe spricht von einem runden Schleifer in einem Drehkopf. Die Fläche wirkt danach wie mit überlappenden Münzabdrücken bedeckt – oder wie Fischschuppen, daher der Name «Fischhaut». Die Kunst besteht darin, die Kreise über die ganze Platine gleich gross, gleich tief und gleich dicht zu setzen; schon ungleicher Druck fällt unter der Lupe auf, und die Beherrschung braucht laut einem Fachbeitrag Jahre.

Kanten und Spiegel: Anglage und Spiegelpolitur

Bei der Anglage (Kantenbrechen) wird die scharfe Kante eines Teils auf etwa 45 Grad abgeschrägt und dann spiegelblank poliert; es entsteht ein heller Strich entlang der Kontur. Der Weg: Zuerst legt man mit kleinen Stahlfeilen den Winkel an, dann verfeinert man mit feinerem Schleifpapier, zum Schluss bringt man die Fläche mit einem Holzstäbchen und Diamantpaste auf Hochglanz. Am schwersten sind die Innenwinkel, wo zwei Fasen zusammentreffen – sie lassen sich nur von Hand machen. Patek Philippe nennt das Kantenbrechen eine der kompliziertesten Veredelungen, weil der Druck so ausgewogen sein muss, dass das Teil nicht verformt wird.

Bei der Spiegelpolitur («poli noir», auch «poli spéculaire») wird eine Stahlfläche so eben poliert, dass sie das Licht nur in eine Richtung wirft. Darum wirkt sie schwarz, solange man nicht im richtigen Winkel darauf schaut, und plötzlich hell wie ein Spiegel, wenn man ihn trifft – wie ein glatter See, der nur den Himmel zeigt, wenn man im richtigen Winkel steht. Patek Philippe beschreibt dafür eine mit Diamantpaste bestrichene Zinkplatte; ein Fachbeitrag nennt eine kreisende Bewegung gegen einen ebenen Metallblock. Typisch sind kleine Stahlteile wie Schraubenköpfe und Hebel. Das Schwierige ist die echte Ebenheit; Finisseure nennen ein Jahr oder mehr Übung.

Blaue Schrauben und Gravur

Gebläute Schrauben bekommen ihre Farbe durch Hitze, nicht durch Lack. Die polierte Stahlschraube wird gründlich entfettet, auf eine Schale mit Messingfeilspänen gelegt und über einer Flamme erhitzt. Dabei läuft sie in fester Farbfolge an: Strohgelb, Gelb, Braun, Violett, Dunkelblau, Blau, Hellblau, Graublau. Beim gewünschten Ton nimmt man die Schraube mit der Pinzette heraus; sie kühlt fast sofort ab und behält die Farbe. Als Anhaltspunkte nennt ein Fachbeitrag etwa 240 Grad für Dunkelgelb, 270 für Violett, 290 für Dunkelblau und 320 für Graublau – ein anderer spricht von rund 310 Grad.

Das Blau ist auch Technik: Beim Erhitzen wird der gehärtete, spröde Stahl «angelassen». Bei mittlerem bis dunklem Blau bleibt die Schraube laut dem Fachbeitrag stark genug für das Drehmoment des Schraubenziehers und nutzt sich dennoch gut ab. Von Hand kann eine einzelne Schraube bis zu einer halben Stunde dauern und muss manchmal mehrmals versucht werden; ein Industrieofen bläut hunderte Schrauben in Sekunden, und chemisch gebläute Schrauben wirken flach und ohne Tiefe. Von Hand gebläute Schrauben zeigen unter der Lupe leichte Farbunterschiede von Schraube zu Schraube.

Bei der Gravur zeichnet der Graveur das Motiv vor, überträgt die Hilfslinien mit einer Stahlnadel auf das Metall und schneidet dann mit dem Stichel (Gravierstahl) feine Späne heraus. Die Werkzeuge haben sich laut Vacheron Constantin seit dem 14. Jahrhundert kaum verändert. Gravierte Unruhkloben (die Halter der Unruh) sind laut WorldTempus ein Markenzeichen von Glashütte Original und A. Lange & Söhne; für die Kollektion «Mécaniques Gravées» (2015) braucht Vacheron Constantin etwa einen Monat Handarbeit pro Uhr.

Das Genfer Siegel

Das Genfer Siegel («Poinçon de Genève») ist eine Punze mit dem Genfer Wappen, die auf Platine oder Brücke angebracht wird. Es wurde 1886 eingeführt und wird heute von der Stiftung Timelab vergeben. Laut Wikipedia gehört zu den Kriterien unter anderem, dass das Werk im Kanton Genf gebaut und reguliert wurde, dass Stahlkanten und Schraubenköpfe geschliffen oder poliert sind und dass die vorgeschriebenen Rubinlager verbaut sind.

Seit der Neufassung der Regeln, die am 1. Juni 2012 in Kraft trat, reicht das Siegel über das Werk hinaus: Dazu kamen Ganggenauigkeit, Gangreserve und Wasserdichtigkeit der Uhr. Es bleibt freiwillig. Aktuell setzen laut Wikipedia unter anderem Cartier, Chopard und Vacheron Constantin es auf einige Werke; Patek Philippe versah bis 2009 alle Werke damit.

Gut zu wissen

  • Eine einzelne Schraube von Hand zu bläuen kann bis zu einer halben Stunde dauern; jede Schraube eines Werks soll am Ende zu den anderen passen.
  • Das Genfer Siegel ist etwas anderes als das Chronometer-Zertifikat, das die Genauigkeit prüft, oder die Herkunftsbezeichnung Swiss Made: Es betrifft Genf als Herkunft und die Veredelung, seit 2012 auch Eigenschaften der ganzen Uhr.
  • Die Streifen werden laut Wikipedia aufgebracht, bevor das Teil galvanisch beschichtet wird. Mehr zum Aufbau des Werks unter Uhrwerk und Kaliber.

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Quiz: Werkveredelung

Mehr Fragen gibt es im grossen Quiz.