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Uhrenatlas

Handwerk und Veredelung

Zifferblatt-Schliffe

Ein Zifferblatt ist eine kleine Metallscheibe, deren Oberfläche mit Bürsten, Sandstrahl und Strom veredelt wird. So entstehen Sonnenschliff, Satin, Körnung, Opalin und der Fumé-Verlauf.

Vacheron Constantin Overseas aus Stahl mit blauem Zifferblatt, Datum bei 3 Uhr und blauem Lederband auf weissem Marmor
Vacheron Constantin Overseas mit blauem Zifferblatt · Bild: Haim Charbit (Pexels), Pexels-Lizenz

Mehr als eine glatte Scheibe

Ein Zifferblatt beginnt als dünne Scheibe aus Metall. Am häufigsten sind Messing und Neusilber (eine Legierung aus Kupfer, Nickel und Zink); für besonders feine Uhren kommen Silber, Bronze oder Gold dazu. Aus dem Rohling werden die Öffnungen für Datum oder Hilfszifferblätter gefräst. Dann bekommt die Oberfläche ihren Charakter – erst danach folgen die aufgedruckten Zeichen und die aufgesetzten Stundenmarkierungen.

Die Oberfläche entscheidet, wie eine Uhr im Licht wirkt: ruhig oder lebendig, matt oder glänzend. Viele Veredelungen beginnen mit einem mechanischen Schritt (Bürsten, Schleifen, Sandstrahlen) und enden in einem «galvanischen» Bad. Dabei scheidet Strom in einer Flüssigkeit eine hauchdünne Metallschicht ab – ähnlich wie beim Verchromen eines Wasserhahns. Typische Töne sind Silber, Blau, Schwarz und Anthrazit.

Der Sonnenschliff im SchemaBewegtes Schema: Ein blaues Zifferblatt mit feinen, von der Mitte ausstrahlenden Rillen; ein Lichtreflex wandert im Kreis, wie wenn man die Uhr im Licht dreht.Feine Rillenstrahlen von der Mitte ausDas Licht wandertwenn man die Uhr bewegt
Sonnenschliff: Der Lichtreflex wandert, wenn man die Uhr bewegt. Eigene Grafik des Uhrenatlas.

Sonnenschliff: das Licht, das wandert

Beim Sonnenschliff (französisch «Soleil», englisch «Sunburst») laufen feinste Rillen wie Speichen vom Mittelpunkt zum Rand. Laut Patek Philippe entstehen sie mit einer Bürste mit Metallborsten und einer Schleifpaste, die vom Zentrum nach aussen über das Zifferblatt streicht. Glashütte Original beschreibt eine rotierende Messingbürste mit einem Gemisch aus Korund (einem sehr harten Mineral) und Bimsstein: Ein kleiner Motor dreht die Bürste, aber Einrichten und Führen übernimmt die Hand.

Danach folgt oft ein Bad: Das Zifferblatt wird galvanisch mit einer so dünnen Schicht überzogen, dass sie die Strahlen nicht zudeckt (laut Glashütte Original). Das Licht wandert, weil jede Rille wie ein winziger Streifenspiegel wirkt: Nur die Rillen, die gerade im richtigen Winkel zur Lichtquelle und zum Auge liegen, leuchten hell. Dreht man das Handgelenk, kommen andere Rillen an die Reihe, und der helle Streifen läuft über das Zifferblatt – wie der Lichtkegel auf dem gebürsteten Boden eines Kochtopfs.

Sonnenstrahlen gibt es auch als Guilloché-Muster: Dann schneidet ein Handwerker sie mit der Maschine ins Metall, statt sie zu bürsten (siehe Guilloché). Das Sonnenmuster gilt als eines der häufigsten Muster auf Zifferblättern; manche Marken wie Piaget oder Chopard setzen den Mittelpunkt der Strahlen bewusst neben die Mitte der Uhr.

Satinierung und Körnung: matt ist nicht gleich matt

Satiniert wirkt eine Fläche, die in einer einzigen Richtung fein gebürstet ist. Laut Patek Philippe zieht der Handwerker dafür eine Bürste mit gleich langen Metallborsten und Schleifpaste gerade über die Fläche; das Ergebnis sind feine, parallele Striche – ähnlich wie bei gebürstetem Edelstahl. Kreisförmig ist dagegen das «Vinyl»-Muster, benannt nach den Rillen einer Schallplatte: Auf einer kleinen Drehbank trägt ein Drehstahl einen dünnen Metallfaden ab und hinterlässt feinste Kreisrillen (laut Glashütte Original).

Eine Körnung gibt der Fläche ein feines, mattes Korn. Patek Philippe beschreibt dafür das Sandstrahlen mit einem Gemisch aus zerkleinertem Gestein und Wasser; eine zweite Behandlung mit Weinstein ergibt laut Marke einen weicheren, cremigeren «Velvet»-Look. Eine Handarbeit ist die Silberung: Eine Mischung aus feinem Silberpulver, Salz und Wasser wird mit dem Pinsel in die Oberfläche eingerieben und ergibt ein gleichmässig schimmerndes, feinkörniges Finish (laut Glashütte Original).

Opalin: der sanfte Schimmer

«Opalin» nennt man ein weiches, leicht milchig wirkendes Finish; der Name erinnert an Opalglas. Die Farbe kommt nicht aus einem Lack, sondern aus einem galvanischen Bad: Das Zifferblatt liegt eine genau festgelegte Zeit unter gleichbleibender Spannung in der Flüssigkeit, bis der gewünschte Ton erreicht ist. So beschreibt es Glashütte Original für sein rosé-opalines Zifferblatt.

Patek Philippe nennt den warmen, lachsfarbenen Ton «rose-gilt opaline» (etwa «rosévergoldetes Opalin»); Sammler sagen «Salmon-Zifferblatt». Fachbeiträgen zufolge entsteht er, indem eine hauchdünne Metallschicht – meist Gold – galvanisch auf einen Messingrohling aufgebracht wird, und Patek und Vacheron Constantin setzten den Look schon im späten 19. Jahrhundert auf komplizierten Taschenuhren ein. Weil die Farbe aus der Lichtreflexion kommt und nicht aus einem Farbstoff, wirkt dasselbe Zifferblatt je nach Licht rosa, kupfern oder fast silbern.

Fumé: der Farbverlauf wie Rauch

«Fumé» ist das französische Wort für «geräuchert». Das Zifferblatt ist in der Mitte hell und wird zum Rand hin immer dunkler, als zöge Rauch an den Rand. Zum Markenzeichen gemacht hat den Verlauf H. Moser: Laut Firmenchef Edouard Meylan trugen 2018 rund 95 Prozent der verkauften Uhren ein Fumé-Zifferblatt. Bei der «Funky Blue»-Variante der Concept-Uhren liegt der Verlauf über einem fein gebürsteten Sonnenschliff, sodass Farbe und Strahlen zusammenspielen.

Wie der Verlauf genau entsteht, geben die Marken nur zum Teil preis. Fachberichte sprechen von mehreren hauchdünnen, durchscheinenden Lackschichten über einer gebürsteten oder guillochierten Fläche, die zum Rand hin dichter aufgetragen und bei genauer Temperatur eingebrannt werden. Sicher ist: Der Verlauf ist heikel. Laut Meylan können schon Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Luftzug die Farbe einer ganzen Charge verändern.

Gut zu wissen

  • Kippen und Drehen ist der beste Test: Beim Sonnenschliff wandert ein heller Streifen, beim Satin gleiten feine parallele Linien, beim Opalin ändert sich der Farbton mit dem Licht, beim Fumé bleibt der Verlauf von hell nach dunkel.
  • Fotos täuschen: Flaches Studiolicht verfälscht die Farbe vieler Zifferblätter, Tageslicht zeigt sie ehrlicher.
  • Galvanik und Lackieren laufen laut Glashütte Original in Reinräumen ab – auf einer glatten Fläche fällt jedes Staubkorn auf.
  • Verwandt ist das Handwerk am Werk selbst: Streifen, Perlen und polierte Kanten finden Sie unter Werkveredelung.

Teste dein Wissen

Quiz: Zifferblatt-Schliffe

Mehr Fragen gibt es im grossen Quiz.