Hinter jeder grossen Uhrenmarke stehen Menschen: Handwerker, Erfinder, Unternehmer und Gestalter. Dieses Kapitel stellt vierzehn Köpfe vor, die die Schweizer Uhrmacherei vom späten 17. Jahrhundert bis heute geprägt haben.
um 1665–1741 · Uhrmacher und Goldschmied (La Sagne, Le Locle)
Er gilt als Gründerfigur der Uhrmacherei im Neuenburger Jura – doch vieles an seiner Geschichte ist Legende.
Daniel JeanRichard kam laut Historischem Lexikon der Schweiz um 1665 in Les Bressels bei La Sagne zur Welt; andere Quellen nennen 1672. 1692 wird er erstmals als Meister erwähnt, als Uhrmacher oder Goldschmied. Anfang des 18. Jahrhunderts verlegte er seine Werkstatt nach Le Locle, wo die ganze Familie mitarbeitete.
Eine Legende aus den 1830er-Jahren machte ihn zum Begründer der Neuenburger, ja der ganzen Schweizer Uhrenindustrie. Dazu gehört die bekannte Geschichte, er habe als junger Schmiedelehrling eine englische Taschenuhr repariert und danach nachgebaut. Historiker sehen das heute nüchterner: Belegt ist, dass er im Neuenburger Jura die erste richtige Uhrmacherwerkstatt einrichtete, mit Werkzeugen und Wissen aus Genf. Eine arbeitsteilige Industrie gab es damals noch nicht.
1728/29–1826 · Uhrmacher (Le Locle)
Abraham-Louis Perrelet
Abraham-Louis Perrelet, Lithografie von Charles-Samuel Girardet, Le Locle, 1822 · Bild: Charles-Samuel Girardet, gemeinfrei
Mit seinem Namen ist eine der ersten Uhren verbunden, die sich beim Gehen von selbst aufziehen.
Abraham-Louis Perrelet stammte aus Le Locle, damals Teil des Fürstentums Neuenburg, und starb dort 1826 im hohen Alter von 97 Jahren. Sein genaues Geburtsdatum ist nicht einheitlich überliefert; genannt werden Dezember 1728 und Januar 1729.
Um 1777 baute er eine Taschenuhr mit einem schwingenden Gewicht, das die Uhr beim Gehen des Trägers aufzog. Er gilt deshalb oft als Erfinder der automatischen Uhr. Die Fachliteratur relativiert das: Um die gleiche Zeit bauten auch andere Uhrmacher selbstaufziehende Uhren, und die erste genaue Beschreibung eines Mittelrotors stammt von Hubert Sarton aus Lüttich (1778).
Abraham-Louis Breguet soll um 1780 einige Uhren Perrelets gekauft und das Prinzip in seinen «Perpétuelles» weiterentwickelt haben. Perrelets Enkel Louis-Frédéric Perrelet lernte bei ihm und machte später in Paris Karriere.
1747–1823 · Uhrmacher und Erfinder (Neuenburg, Paris)
Abraham-Louis Breguet
Abraham-Louis Breguet, Ölbildnis um 1810 · Bild: unbekannter Maler, gemeinfrei
Der gebürtige Neuenburger erhielt 1801 das Patent auf das Tourbillon und gilt als einer der bedeutendsten Uhrmacher überhaupt.
Breguet wurde 1747 in Neuenburg geboren. Nach einer Lehre in Versailles und einem längeren Aufenthalt in London liess er sich 1775 in Paris nieder; 1790 wurde er französischer Bürger. Während der Französischen Revolution wich er von 1793 bis 1795 in die Schweiz aus, nach Genf, Neuenburg und Le Locle.
Zurück in Paris reichte er seine bekannteste Erfindung ein: Am 26. Juni 1801 erhielt er das Patent für das Tourbillon, einen drehenden Käfig, der Gangfehler durch die Schwerkraft ausgleichen soll. Er verbesserte zudem die selbstaufziehende «Perpétuelle» und baute hochkomplizierte Stücke, darunter eine berühmte Uhr für Königin Marie-Antoinette.
Breguet erhielt viele Ehrungen: 1815 wurde er Uhrmacher der französischen Marine und Mitglied des Bureau des longitudes, 1816 der Akademie der Wissenschaften, 1819 Ritter der Ehrenlegion. Die heutige Marke Breguet trägt seinen Namen.
Der Tüftler aus dem Vallée de Joux legte den Grundstein für die heutige Manufaktur Jaeger-LeCoultre.
Antoine LeCoultre lernte bei seinem Vater und gründete 1833 in Le Sentier im Vallée de Joux eine eigene Werkstatt; zusammen mit seinem Bruder Ulysse stellte er Triebe (kleine Zahnräder) für Uhrmacher in Genf und Neuenburg her. Laut Historischem Lexikon der Schweiz war er ein genialer Erfinder, zum Unternehmer aber nicht berufen.
1844 entwickelte er ein Präzisionsmessgerät mit Mikrometerschraube, das half, das metrische System in der Schweizer Uhrmacherei durchzusetzen. An der Weltausstellung von London 1851 erhielt er eine Goldmedaille. Daneben war er politisch aktiv, ab 1852 im Waadtländer Grossen Rat.
1877 übergab er die Firma seinen Kindern. Unter seinem Enkel Jacques-David LeCoultre entstanden später Klassiker wie die Reverso; die Marke heisst heute Jaeger-LeCoultre.
Ein polnischer Emigrant und ein französischer Erfinder gründeten gemeinsam eine der berühmtesten Genfer Manufakturen.
Antoni Norbert Patek (in Genf Antoine Norbert de Patek) kam als polnischer Flüchtling nach Genf und stieg in den Uhrenhandel ein. 1839 gründete er mit seinem Landsmann Franciszek Czapek eine erste Firma. Er kümmerte sich vor allem um den Verkauf und blieb in der polnischen Gemeinschaft Genfs aktiv.
Jean Adrien Philippe stammte aus La Bazoche-Gouet in Frankreich und lernte das Handwerk bei seinem Vater. 1842 entwickelte er einen Aufzug über die Krone, der den separaten Uhrschlüssel überflüssig machte. Patek entdeckte die Erfindung 1844 an der Industrieausstellung in Paris und holte Philippe 1845 nach Genf.
Ab 1851 hiess die Firma laut Marke «Patek, Philippe & Cie». Aus ihr wurde Patek Philippe, heute eine der bekanntesten Uhrenmarken der Welt.
Arbeitsplatz von Louis Brandt, dem Gründer von Omega · Bild: Sandstein, CC BY 3.0
Aus seinem kleinen Handelsbetrieb ging die Marke Omega hervor.
Louis Brandt gründete 1848 in La Chaux-de-Fonds ein sogenanntes Etablissage-Kontor: Er liess Uhrenteile von Heimarbeitern fertigen, setzte sie zusammen und verkaufte die fertigen Uhren. Diese Arbeitsweise war damals im Jura weit verbreitet.
Seine Söhne bauten das Geschäft aus und eröffneten eine Werkstatt in Biel. Der Name Omega geht auf ein 1894 gebautes Uhrwerk zurück, dessen Teile austauschbar waren – ein wichtiger Schritt zur industriellen Fertigung. 1903 wurde die Firma eine Aktiengesellschaft.
Später schloss sich Omega 1930 mit Tissot zur SSIH zusammen, die 1983 in der heutigen Swatch Group aufging. Seit 1932 ist Omega regelmässig offizieller Zeitnehmer der Olympischen Spiele.
Er baute die erste Taschenuhr für jedermann, die «Proletarieruhr».
Roskopf wurde 1813 in Niederweiler im Grossherzogtum Baden geboren. 1829 kam er nach La Chaux-de-Fonds, um Französisch zu lernen, und machte von 1833 bis 1835 eine Uhrmacherlehre.
Ab 1860 entwickelte er eine einfache, aber zuverlässige Uhr mit Stiftankerhemmung, die mit wenigen Teilen auskam. Ab 1867 stellte er diese «Proletarieruhr» her, die rund 20 Franken kostete. An der Weltausstellung von Paris 1867 erhielt sie eine Bronzemedaille.
In La Chaux-de-Fonds stiess die maschinelle Massenfertigung auf Widerstand, und Roskopf wurde angefeindet. 1873 verkaufte er seine Firma. Laut Historischem Lexikon der Schweiz war seine Erfindung trotzdem ein wichtiger Schritt in der Uhrengeschichte, weil sie Uhren für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich machte.
1840–1892 · Uhrmacher und Unternehmer (Saint-Imier, Biel)
Edouard Heuer
Der Gründer der Firma, aus der die heutige Marke TAG Heuer wurde.
Edouard Heuer eröffnete laut Historischem Lexikon der Schweiz 1860 im Berner Jura in Saint-Imier ein Uhrengeschäft. Schon 1864 zog er nach Brügg, 1867 nach Biel, wo die Firma lange blieb. Ein Uhrenwiki weist darauf hin, dass sich das Gründungsjahr 1860 in alten Adressbüchern nicht direkt nachweisen lässt.
1985 übernahm die Holding TAG (Techniques d'Avant-Garde) das Unternehmen, das seither TAG Heuer heisst. 1999 ging es an den Luxuskonzern LVMH.
Der Gründer von Rolex machte die Armbanduhr wasserdicht und alltagstauglich.
Hans Wilsdorf wurde 1881 im bayerischen Kulmbach geboren und verlor früh beide Eltern. 1905 eröffnete er in London ein Uhrengeschäft, 1908 liess er den Namen Rolex als Marke eintragen. Wegen britischer Zollerhöhungen verlegte er den Firmensitz 1915 in die Schweiz; 1920 gründete er in Genf die Montres Rolex SA.
1926 kam die Rolex Oyster auf den Markt, eine wasserdichte Armbanduhr. 1927 trug die britische Schwimmerin Mercedes Gleitze eine Oyster bei einem Versuch, den Ärmelkanal zu durchschwimmen, die Wilsdorf ihr mitgegeben hatte. Anfang der 1930er-Jahre folgte ein Rotor für den automatischen Aufzug.
Wilsdorf gründete auch die Marke Tudor. 1945 rief er die Hans Wilsdorf Stiftung ins Leben, der Rolex bis heute gehört. Er starb 1960 in Genf.
Er zeichnete einige der bekanntesten Luxus-Sportuhren, darunter die Royal Oak und die Nautilus.
Gérald Genta wurde 1931 in Genf geboren und machte zunächst eine Ausbildung als Schmuck- und Goldschmied. Danach arbeitete er als freier Gestalter für zahlreiche Uhrenmarken, etwa für Universal Genève, Omega und IWC.
Berühmt wurde er mit der Royal Oak für Audemars Piguet. Laut Marke entstand die erste Skizze in der Nacht vom 10. auf den 11. April 1970; vorgestellt wurde die Uhr 1972. Die Uhr aus Stahl kostete damals mehr als manche Golduhr der Marke. 1976 folgte für Patek Philippe die Nautilus.
1969 gründete Genta eine eigene Marke, die er im Jahr 2000 an Bulgari verkaufte. Er starb 2011.
1928–2010 · Unternehmer und Unternehmensberater (Biel)
Nicolas G. Hayek
Nicolas G. Hayek am Internationalen Management-Gespräch in St. Gallen, 1993 · Bild: Regina Kühne, CC BY-SA 4.0
Er führte die Schweizer Uhrenindustrie nach der Quarzkrise in die Swatch Group zusammen.
Nicolas G. Hayek wurde 1928 in Beirut geboren, studierte in Lyon und kam 1949 in die Schweiz. Später leitete er die Beratungsfirma Hayek Engineering.
In den 1970er-Jahren geriet die Schweizer Uhrenindustrie durch billige Quarzuhren aus Asien in eine schwere Krise. Die Banken beauftragten Hayek mit einer Studie. Sie empfahl, die beiden grossen Gruppen ASUAG und SSIH zu verschmelzen – das geschah 1983. Im selben Jahr kam die Swatch auf den Markt, die laut Swatch Group den Aufschwung der Branche auslöste.
1986 wurde Hayek Präsident und Delegierter des Verwaltungsrats; der Konzern hiess zunächst SMH und ab 1998 Swatch Group. Zu ihm gehören heute unter anderem Omega, Breguet, Blancpain und Longines. Hayek starb 2010 in Biel.
Er belebte die Marke Blancpain neu und führte später Hublot und die Uhrensparte von LVMH.
Jean-Claude Biver wurde 1949 in Luxemburg geboren. Nach dem Studium arbeitete er bei Audemars Piguet und danach bei Omega.
Anfang der 1980er-Jahre kaufte er mit Jacques Piguet die Namensrechte der seit Jahren ruhenden Marke Blancpain und baute sie als Hersteller rein mechanischer Uhren neu auf; die Quellen nennen 1981 bis 1983. 1992 verkaufte er Blancpain an die SMH, die heutige Swatch Group, und arbeitete dort weiter, unter anderem für Omega.
2004 wurde er Chef von Hublot, wo kurz darauf das Modell Big Bang erschien. Von 2014 bis 2018 leitete er die Uhrensparte von LVMH und war in dieser Zeit auch Chef von TAG Heuer. 2022 gründete er mit seinem Sohn Pierre eine eigene Marke.
Der Uhrmacher aus dem Vallée de Joux steht für klassische Handarbeit in kleinster Stückzahl.
Philippe Dufour wurde 1948 in Le Sentier im Vallée de Joux geboren und schloss 1967 die dortige Uhrmacherschule ab. Danach arbeitete er unter anderem bei Jaeger-LeCoultre und Audemars Piguet und restaurierte alte Uhren für Sammler und Auktionshäuser.
1978 richtete er eine eigene Werkstatt ein. 1992 stellte er eine Armbanduhr mit Grande Sonnerie vor, die zu jeder Viertelstunde schlägt; laut dem Auktionshaus Phillips war es die erste Armbanduhr mit grosser und kleiner Sonnerie.
Am bekanntesten ist seine schlichte Dreizeigeruhr «Simplicity» aus dem Jahr 2000. Laut Auktionshaus Phillips entstanden in der ersten Serie 205 Stück, alle von Hand gefertigt.
geboren 1957 · Uhrmacher und Unternehmer (Genf)
François-Paul Journe
Der gebürtige Franzose gründete in Genf eine der angesehensten unabhängigen Manufakturen.
François-Paul Journe wurde 1957 in Marseille geboren und schloss 1976 die Uhrmacherschule in Paris ab. In der Werkstatt seines Onkels, eines Restaurators in Paris, lernte er alte Meisteruhren kennen; laut Marke baute er mit 20 Jahren seine erste Tourbillon-Taschenuhr ganz von Hand.
1999 gründete er in Genf die Firma F. P. Journe. Die erste Serienuhr, das «Tourbillon Souverain» mit Tourbillon und Kraftausgleich, finanzierte er laut Marke über Vorauszahlungen von rund zwanzig Kunden.
Bekannt ist er auch für den «Chronomètre à Résonance», bei dem zwei Unruhen sich gegenseitig beeinflussen. Seine Firma gewann am Grand Prix d'Horlogerie de Genève dreimal den Hauptpreis «Aiguille d'Or» (2004, 2006 und 2008).